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Interviews

Herrliches Drama und Cartoons

toonsUp (ICOM e.V., Moderation) |

Interview mit Ingmar Decker

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COMIC!: Du bist Software-Entwickler und Illustrator. Besucher der Plattform toonsUp.com kennen dich dort unter dem Benutzernamen achecht und als Administrator der Seite. Du hast Informatik studiert, hast du auch eine grafische Ausbildung gemacht?

Ingmar Decker: Genau genommen habe ich Informationswissenschaft und Informatik studiert. Zu Informationswissenschaft gehörten auch diverse Seminare zur Visuellen Kommunikation und Typographie.
Ich konnte seinerzeit auch etwas in Publizistik und Kunstgeschichte reinschnuppern. Aber nein, eine grafische Ausbildung habe ich nicht genossen. Tatsächlich hatte ich in der Abi-Zeit mit dem Gedanken gespielt, Grafik-Design zu studieren, mich dann aber anders entschieden.
Als Kind habe ich unglaublich viel gezeichnet und gemalt. Kaum konnte ich schreiben, ist auch ein erster Comic entstanden. In der Grundschulzeit waren dann die Donald-Duck-Hefte angesagt, und ich habe Micky Maus auf Brotpapier durchgepaust. Mit etwa 14 kam noch mal eine kurze Comic-Zeichen-Phase. Mein Vater kam in seinem Büro damals an einen Kopierer ran. Meine eigenen Zeichnungen 20x kopiert zu sehen, war spektakulär. Damals. In den 80ern.
Ach ja, meine erste Auftragsarbeit hatte ich in der fünften Klasse. Mein Musiklehrer bat mich um eine Zeichnung vom Schloss Neuschwanstein. Ich habe 5 Mark dafür bekommen!
Das Ganze geriet dann etwas in Vergessenheit.
Etwa 2004 habe ich dann das Cartoon-Zeichnen für mich entdeckt und bin dabei geblieben.
Auch mal ’n Comic-Strip, aber für Comics habe ich nicht die Zeit und die Ausdauer. Egal, Cartoons sind cool, ich mag das, kurz und bündig zum Punkt kommen. (Ich lese auch lieber Kurzgeschichten als Romane ...)

 

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COMIC!: Du hast 2019 die technische Betreuung der Seite toonsUp übernommen und 2024 an die neuen Anforderungen der Internethoster angepasst. Ab wann warst du als Zeichner auf toonsUp.com unterwegs?

Ingmar Decker: Seit Anfang 2008. Ich glaube, Made, einer der beiden Gründer und Entwickler von toonsUp, hatte mich damals über meine Website kontaktiert.
Ich fand das super, Werke zu zeigen und sich darüber auszutauschen. Bei den toonsUp-Treffen in Berlin habe ich spannende neue Menschen kennengelernt.
Made und Ron konnten das dann nach jahrelangem, großartigen Einsatz – technisch, organisatorisch und zeichnerisch – Ende der 10er Jahre nicht mehr weiter betreiben. Ich wollte aber nicht, dass das zu Ende geht. Wäre blöd gewesen. ToonsUp hat mir viel gegeben.
Tja, was sagt man da als Programmierer? Ach, ich programmier’ das mal schnell neu. Ist so’n Informatiker-Witz: »Ich schreib da mal eben ein Skript...« Monate später, im Herbst 2021, war es dann doch geschafft.
ToonsUp 2.0 war online.
Und das ist auch gut so. Zwar hat toonsUp nicht mehr ganz die Power, wie Elvis sie hatte. Es gibt heute viel Konkurrenz durch Insta & Co., aber ich finde es weiterhin super für Austausch und Inspiration und wesentlich ruhiger und fokussierter als Insta.
Toonpool gibt es natürlich auch noch, da findet aber nach meinem Empfinden nicht mehr so viel Austausch statt, wie früher, dafür hat dessen Agenturfunktion Charme.

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COMIC!: Wo hast du schon früher erste Comics und Cartoons veröffentlicht? Womöglich (ARRGH!) analog?

Ingmar Decker: Wieso ARRGH?

COMIC!: Comiczeichnerwitz ...

Ingmar Decker: Natürlich zuerst analog. Meinen 12-seitigen Comic aus der 8. Klasse hatte mein Dad mehrfach kopiert und der wurde im Schul- und Bekanntenkreis verteilt. 80er halt...
Meine Cartoons habe ich dann zuerst auf meiner Website veröffentlicht. Später sind einige von diesen auf Papier in lokalen Magazinen oder Zeitungen erschienen, z.B. BERLINER KURIER, ZITTY, STADTKIND und so. Schulbuchverlage zeigen des Öfteren Interesse, so gibt es inzwischen diverse Schulbücher, wo was von mir drin zu sehen ist.
Da fällt mir gerade ’ne Anekdote ein. Ich habe viele Cartoons gezeichnet, die im Gastronomie-Milieu spielen. Vor ca. 10 Jahren war ich mit meiner Familie zu einem Ausflug im bayerischen Wasserburg. Wir gehen da wahllos in ein Restaurant, schauen in die Speisekarte – und sehen bestimmt fünf oder sechs Cartoons von mir abgedruckt. Ich war perplex und entzückt. Die hatten zwar nicht gefragt, aber ich fand’s cool. Ich hatte mich dann dem Kellner gegenüber als Zeichner geoutet. Er war etwas irritiert und wusste nicht so genau, was er damit anfangen soll. Na ja, beim nächsten Besuch ein Jahr später, war die Speisekarte eine andere ...

COMIC!: Du hast 16 Bücher und Kalender veröffentlicht, die alle in deinem Shop www.achecht.de/shop bestellbar sind. Und vermutlich zusätzlich ein paar, die mittlerweile vergriffen sind. Wie sind deine Erfahrungen als Selbstverleger?

Ingmar Decker: Oh, ah, Kalender ... 20-jähriges Jubiläum...! Ich hatte 2006 meinen ersten 52-Wochen-Cartoon-Kalender drucken lassen in meinem Lieblings-Copy-Shop in Berlin-Kreuzberg. Den habe ich genutzt als Werbegeschenk für Kunden und zum Verkauf. Das mache ich bis heute. Aber die Verkaufszahlen haben sich seither kaum gesteigert. Seltsam ... Tja, das zeigt es gut: Etwas selbst zu veröffentlichen – sei es wirklich im Selbstverlag oder so halb bei KDP oder Books-onDemand –, ist eine tolle Sache. Es ist toll, sein eigenes Druckwerk in der Hand zu halten, vielleicht sogar bei Amazon gelistet zu sehen. Aber ohne Marketing wird es halt nicht bekannt und verkauft sich nicht. Direkt bei Messen hingegen geht immer was. Marketing ist also ein Projekt für die nächste Zeit, zumal ich inzwischen auch einen Krimi-Parodie-Episoden-Roman geschrieben und veröffentlicht habe, der unter die Leute gehört.

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COMIC!: Deine Cartoonbücher stehen oft (immer?) unter einem Motto. Nimmst du dir dabei vor, Pointen zu einem bestimmten Thema auszudenken, oder entstehen sie ohne eine Vorgabe und werden später unter ein Motto gestellt?

Ingmar Decker: Beides. Nehmen wir z.B. das Thema »Achtsamkeit«. Ich bin seit Jahren dabei, mir selbst auf die Schliche zu kommen, mit Stress umzugehen, mich in Akzeptanz zu üben und mir meiner Emotionen bewusst zu werden, damit sie mich nicht komplett beherrschen. Da poppt eines Tages das Wort »Achtsamkeit« vor mir auf dem Papier auf. Und dabei die Erkenntnis, dass es bei mir gerade genau darum geht. Und wie skurril das Leben eigentlich so ist. Und wie wichtig und gleichzeitig abgedroschen dieser Begriff ist. Und wie man vieles aus diesem Milieu so herrlich missverstehen kann. Das schrie förmlich nach Cartoons. Und da fiel mir ein, dass ich schon viele Zeichnungen gemacht hatte, die unter dieses Motto gestellt werden konnten. Gleichzeitig musste mehr her, also bin ich gezielter rangegangen.

COMIC!: Wie entstehen deine Cartoons? Wenn dir spontan etwas einfällt, oder gehst du systematisch ans Werk? So hab ich das z.B. beim Gagschreiben für »Bill Body« von René Lehner über Sport und bei Illustrationen für einen Cartoon-Band über Bungee-Springen gemacht.  

Ingmar Decker: Beides. Wobei: Was das Spontane angeht, da sind Ideen oft auf einmal da, keine Ahnung, wo die hergekommen sind. Manchmal muss ich aber auch nur die Augen aufmachen oder am Nachbartisch lauschen. Da kann viel zum Lachen entdeckt werden.
Wenn ich, na ja, »systematisch« ans Werk gehe, kann das bedeuten, dass ich auf Papier Assoziationsketten lostrete. Also ein Wort folgt dem anderen und manchmal führt das zu was Lustigem. Es kann auch bedeuten, dass ich zu einem Begriff im Geiste Situationen zum Thema durchspiele, da kommt auch öfter was raus. Oder nehmen wir das Thema »Jesus und so«.
Ich muss mir ja im Grunde nur so manches aus der Bibel rausgreifen, wörtlich bzw. bildlich nehmen oder bewusst missverstehen, da hat man viel Material. (Wobei das ja nicht grundsätzlich gegen Religion und den Grundgedanken »Rückverbindung« geht, sondern um so manchen seltsamen Auswuchs.) Oder nehmen wir das Thema »Angst«. Das stand bei mir vor längerer Zeit einfach ganz vorne und hat mich viel beschäftigt. Hier habe ich versucht, bewusst auf die Stimmen der Angst im Hirn zu achten. Wenn ich dann solche Stimmen aus dem Kopf raushole und zu Papier bringe, sie einer gespensterhaften Gestalt in den Mund lege, wird so manche Skurrilität deutlich. Und das Drama bekommt etwas Leichtigkeit.
Vor einiger Zeit kam noch das Thema »Wut« hinzu. Wut und Angst zusammen machen herrliches Drama. Dabei ist meine Wut-Personifizierung »Brutzo« entstanden. Und diese Figur hat mir tatsächlich auch im realen Leben extrem geholfen, mit meiner eigenen Wut umzugehen, indem ich sie im Geiste habe den Ausdruck übernehmen lassen und so die Identifikation mit diesem Gefühl lösen konnte. Diese Erfahrungen habe ich inzwischen auch »verschriftlicht« in »Die Chronik von Brutzo«.
Also, bei solchen Themen liegt die »Systematik« im Grunde im Beobachten der eigenen Innenwelt. Dabei pointiere und überspitze ich auf der einen Seite, auf der anderen Seite ist es schlichtweg Illustration von emotionalen Prozessen.

COMIC!: Vielen Dank für das Gespräch!

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